Wenn man in Davos, London oder New York Investoren fragt, wo die Welt der tokenisierten Wertpapiere ihr Zentrum hat, bekommt man oft verwirrte Antworten. Singapur? Dubai? Vielleicht Liechtenstein? Die wenigsten nennen die Schweiz. Das ist erstaunlich, denn aktuell ist genau dieses kleine Land mit knapp neun Millionen Einwohnern führend in einem Markt, der sich zu einer der wichtigsten Anlageklassen der nächsten Dekade entwickeln dürfte. Wie kam es dazu? Und warum redet niemand darüber?

Ein Gesetz, das den Unterschied macht

Am 1. August 2021 trat in der Schweiz das DLT-Gesetz in Kraft. DLT steht für Distributed Ledger Technology — also für die Familie von Technologien, zu denen die Blockchain gehört. Das Gesetz ist eine technische Anpassung mehrerer bestehender Gesetze, vor allem des Obligationenrechts, des Schuldbetreibungs- und Konkursgesetzes und des Bankengesetzes. Es liest sich für Laien trocken. Für Tokenisierungs-Projekte hat es bahnbrechende Konsequenzen.

Das Gesetz schafft den rechtlichen Begriff des Registerwertrechts. Das ist ein Wertpapier, das nicht als physisches Dokument existiert, sondern als Eintrag auf einem dezentralen Register — typischerweise auf einer Blockchain. Vor 2021 lebten tokenisierte Wertpapiere in der Schweiz in einer Grauzone. Sie waren formal Wertpapiere, aber niemand wusste genau, wie das Eigentum übertragen wird, wie Gerichte im Streitfall entscheiden, welche Rechte sie genau verbriefen. Mit dem Registerwertrecht ist all das geklärt. Ein Token auf der Blockchain hat in der Schweiz heute denselben rechtlichen Status wie eine klassische Aktie oder Anleihe.

Hinzu kommt das Finanzdienstleistungsgesetz FIDLEG, das seit 2020 die Verhaltenspflichten für Finanzdienstleister regelt — inklusive Prospektpflicht für öffentliche Angebote, Transparenz, Anlegerschutz und Geeignetheitsprüfung. Asset Tokens fallen unter dieses Regime. Das mag wie zusätzlicher Aufwand klingen, ist aber genau das, was tokenisierte Wertpapiere von spekulativen Kryptowährungen unterscheidet: ein klarer rechtlicher Rahmen mit klaren Schutzbestimmungen.

Diese Kombination aus DLT-Gesetz und FIDLEG ist weltweit einzigartig in ihrer Klarheit. Es gibt keine andere grosse Finanzjurisdiktion, in der tokenisierte Wertpapiere so eindeutig geregelt sind.

Der Vergleich mit anderen Jurisdiktionen

Warum reden andere Länder nicht stärker mit? Schauen wir uns die Konkurrenz an.

Die Europäische Union hat mit dem MiCAR-Rahmen ab 2024 eine eigene Regulierung etabliert. MiCAR ist ein Schritt in die richtige Richtung, regelt aber primär Krypto-Assets im breiteren Sinn — Stablecoins, Utility Tokens, ART-Tokens. Für tokenisierte Wertpapiere gilt weiterhin die bestehende MiFID-II-Regulierung, die nicht speziell für Blockchain-Technologie konzipiert wurde. Das führt zu Unsicherheiten, die in der Schweiz nicht existieren.

Die USA sind in einer komplizierten Lage. Die SEC unter wechselnder Führung hat unterschiedliche Linien verfolgt — mal restriktiv, mal liberaler. Asset Tokens müssen sich im US-Markt durch ein Geflecht aus Federal Securities Law, State Blue Sky Laws und SEC-Verlautbarungen kämpfen. Es gibt keine eigene Gesetzgebung für tokenisierte Wertpapiere. Das Ergebnis: viele US-Projekte gründen ihre operative Gesellschaft in der Schweiz oder Liechtenstein, um Klarheit zu haben.

Singapur hat unter der Aufsicht der MAS einen praktischen Rahmen geschaffen, aber er ist primär für institutionelle Akteure konzipiert. Für die breitere Anwendung tokenisierter Vermögenswerte fehlen klare Strukturen.

Liechtenstein hat 2019 mit dem TVTG sogar früher als die Schweiz einen Tokenisierungs-Rahmen geschaffen. Er ist exzellent strukturiert — aber Liechtenstein ist mit knapp 40.000 Einwohnern zu klein, um ein vollständiges Finanz-Ökosystem aufzubauen. Viele Liechtensteiner Projekte arbeiten in der Praxis mit Schweizer Banken zusammen.

Dubai hat mit dem VARA eine moderne Regulierung, die viel internationale Aufmerksamkeit bekommen hat. Sie ist aber primär auf spekulative Krypto-Assets ausgerichtet, weniger auf tokenisierte Wertpapiere im klassischen Sinn.

Die Schweiz hat in dieser Landschaft einen Vorsprung, der sich aus drei Faktoren zusammensetzt: ein eigenes Gesetz speziell für tokenisierte Wertpapiere, ein etabliertes Finanz-Ökosystem mit globaler Reputation, und eine Aufsicht (FINMA), die sich seit 2018 systematisch mit Krypto-Themen befasst und konsistente Linien verfolgt.

Das Ökosystem

Ein Gesetz allein macht keinen Standort. Was die Schweiz besonders macht, ist das Ökosystem aus Unternehmen, das auf dieser rechtlichen Grundlage entstanden ist. Einige Beispiele.

Sygnum Bank wurde 2018 in Zürich gegründet und war 2019 die weltweit erste Bank, die eine FINMA-Bewilligung für die Erbringung von Bankdienstleistungen im Bereich digitaler Vermögenswerte erhielt. Sygnum tokenisiert klassische Wertpapiere für institutionelle Kunden und bietet eine vollintegrierte Banking-Plattform für digitale Vermögenswerte. Mit über drei Milliarden Schweizer Franken an verwahrten Vermögen ist Sygnum heute einer der grössten Akteure im Bereich tokenisierter Wertpapiere.

Aktionariat aus Zürich ermöglicht es Schweizer KMU, Mitarbeiteraktien und Beteiligungsrechte als Token auszugeben. Über 50 Schweizer Unternehmen haben das genutzt, um ihre Eigentumsstruktur zu digitalisieren — von kleinen Startups bis zu etablierten Mittelständlern.

SIX Digital Exchange (SDX) ist die digitale Handelsplattform der Schweizer Börse SIX. Sie betreibt seit 2021 eine vollständig regulierte Infrastruktur für tokenisierte Wertpapiere — von der Emission über den Handel bis zur Verwahrung. Mit FINMA-Bewilligung als Effektenhandelsplatz und Zentralverwahrer ist SDX die institutionelle Antwort auf die Frage, wie tokenisierte Wertpapiere in regulierten Märkten gehandelt werden können.

Taurus aus Genf bietet Custody- und Token-Issuance-Lösungen für Banken weltweit und arbeitet mit grossen europäischen Banken zusammen.

Beep Labs AG, unsere Gesellschaft, ist Teil dieses Ökosystems. Wir bauen mit beep einen Asset Token, der durch eine reale Roboterflotte gedeckt ist — eine andere Art von Tokenisierung als bei Sygnum oder Aktionariat, weil wir nicht ein bestehendes Wertpapier tokenisieren, sondern eine neue Anlageklasse aufbauen. Dass wir das in der Schweiz tun, ist kein Zufall. Es ist die einzige Jurisdiktion, in der unser Modell rechtlich sauber strukturierbar ist.

Diese Liste ist nicht vollständig. Sie zeigt aber: Die Schweiz hat heute ein vollständiges Ökosystem aus Banken, Plattformen, Custody-Anbietern, Emittenten und spezialisierten Unternehmen — ein Ökosystem, das in keinem anderen Land in dieser Tiefe existiert.

Das Crypto Valley als Standortfaktor

Hinzu kommt eine geografische Konzentration, die in der Tokenisierungs-Welt einzigartig ist: das Crypto Valley rund um den Kanton Zug. Was Anfang der 2010er-Jahre als kleine Ansammlung früher Blockchain-Projekte begann, ist heute ein Ökosystem aus mehr als 1.500 Unternehmen mit über 6.000 Beschäftigten. Die Ethereum Foundation hat ihren rechtlichen Sitz in Zug. Cardano, Polkadot, Solana — alle haben in Zug Verbindungen.

Was Zug attraktiv macht, ist nicht nur die rechtliche Klarheit. Es ist die Kombination aus pragmatischer Verwaltung, niedrigen Steuern, geografischer Nähe zu wichtigen europäischen Märkten und einer Dichte an Fachkräften und Beratern, die in dieser Konzentration sonst nirgends existiert. Wer in Zug ein Tokenisierungs-Projekt aufbaut, hat im Umkreis von zehn Kilometern Zugang zu Anwälten, die das DLT-Gesetz von Anfang an mitbegleitet haben, zu Banken, die mit digitalen Vermögenswerten arbeiten, und zu Investoren, die das Thema verstehen.

Beep Labs hat seinen Sitz in Zug. Das ist keine Marketing-Entscheidung, sondern eine operative — wir profitieren täglich von dem Ökosystem, das die Schweiz und besonders Zug aufgebaut haben.

Warum niemand darüber redet

Die letzte Frage des Artikels: Wenn die Schweiz wirklich so weit vorne ist, warum erscheint sie in internationalen Diskussionen über Tokenisierung kaum? Drei Gründe.

Erstens — die Schweiz redet nicht gerne über sich selbst. Schweizer Unternehmen sind kulturell zurückhaltend mit Marketing-Aussagen. Die Aufsicht und die Politik kommunizieren sachlich und ohne grosse Inszenierung. Das passt zur Schweizer Mentalität, schadet aber der internationalen Sichtbarkeit. Während Singapur und Dubai mit Pressekonferenzen, Hochglanz-Broschüren und Konferenzen Aufmerksamkeit erzeugen, arbeitet die Schweiz im Hintergrund.

Zweitens — die spektakulären Geschichten passieren woanders. FTX-Kollaps, Binance-Untersuchungen, Stablecoin-Drama: Das sind die Geschichten, die Schlagzeilen machen. Die Schweiz hat solche Skandale weitgehend vermieden, weil ihre Regulierung von Anfang an strenger war. Das ist ein Vorteil für seriöse Akteure, aber es schafft keine Schlagzeilen.

Drittens — die wichtigsten Schweizer Tokenisierungs-Projekte arbeiten oft im institutionellen Bereich, nicht im Retail. Sygnum verwahrt Vermögen für vermögende Privatkunden und Institutionen. SDX handelt zwischen Banken. Taurus arbeitet im Backend grosser Finanzhäuser. Das alles passiert leise, weit weg von Endkonsumenten und Retail-Investoren. Beep ist hier eine bewusste Ausnahme — wir wollen die rechtlich saubere Schweizer Struktur auch für Privatpersonen zugänglich machen.

Was das für Investoren bedeutet

Wer heute in tokenisierte Vermögenswerte investieren will, hat eine einfache Faustregel: Wo ist die operative Gesellschaft registriert? Wenn die Antwort lautet „Cayman Islands, BVI, Estland" oder ein anderes Niedrigregulierungs-Land, ist Vorsicht angezeigt. Wenn die Antwort lautet „Schweiz, Liechtenstein oder ein vergleichbares Land mit klarem Tokenisierungs-Rahmen", ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass das Projekt rechtlich solide aufgebaut ist.

Das ist keine Garantie. Auch in der Schweiz gibt es schlechte Projekte. Aber die Hürde, ein schlechtes Projekt rechtlich sauber durch FIDLEG und das DLT-Gesetz zu führen, ist hoch genug, dass viele unseriöse Akteure es gar nicht erst versuchen. Wer es trotzdem schafft, hat zumindest die formale Prüfung bestanden.

In den nächsten Jahren wird die Welt aufholen. Die EU wird ihre Regulierung verfeinern, die USA werden Klarheit schaffen, Singapur und Dubai werden ihre Rahmen weiterentwickeln. Aber die Schweiz hat einen Vorsprung von Jahren — und sie nutzt ihn jeden Tag, in jeder Vertragsverhandlung, in jeder Token-Emission, in jeder Custody-Dienstleistung.

Vielleicht redet bald jemand darüber. Vielleicht auch nicht. Die Schweizer haben damit gelernt zu leben — sie machen einfach weiter.