Wenn man heute über Token spricht, denken die meisten an dasselbe: Bitcoin, das wild schwankt. Memes wie Dogecoin. Tausende von Coins, die niemand braucht. Die Krypto-Welt hat sich in den letzten zehn Jahren einen Ruf erarbeitet, der zwischen Faszination und Skepsis schwankt — und in vielen Fällen schlicht in der Skepsis landet. Das ist verständlich. Es ist aber auch ungerecht — denn unter dem Lärm der Spekulation hat sich etwas anderes entwickelt, das nichts mit Memes und alles mit klassischen Finanzinstrumenten zu tun hat: Asset Tokens.
Dieser Artikel erklärt, was Asset Tokens sind, warum sie sich grundlegend von spekulativen Kryptowährungen unterscheiden, und warum die Schweiz hierbei eine Rolle spielt, die wenige Menschen ausserhalb der Branche kennen.
Die Finanzmarktaufsicht in der Schweiz, die FINMA, hat bereits 2018 eine systematische Unterscheidung eingeführt. Sie teilt Tokens in drei Kategorien ein:
Wer von „Krypto" spricht, meint fast immer die erste Kategorie. Wer von „der Zukunft des Finanzmarkts" spricht, meint die dritte.
Warum die Schweiz hier eine Sonderrolle spielt
Die Schweiz hat etwas getan, was nur wenige Länder geschafft haben: Sie hat ein Gesetz geschaffen, das tokenisierte Wertpapiere klar regelt — und zwar nicht durch Anpassung bestehender Regulierung, sondern durch ein eigenes Rahmenwerk.
Das DLT-Gesetz trat am 1. August 2021 in Kraft. DLT steht für Distributed Ledger Technology — also für die Familie von Technologien, zu der die Blockchain gehört. Das Gesetz schafft den rechtlichen Begriff des Registerwertrechts: ein Wertpapier, das nicht physisch existiert, sondern auf einem dezentralen Register eingetragen ist, mit der gleichen rechtlichen Wirkung wie ein klassisches Wertpapier.
Was das praktisch bedeutet, kann man kaum überschätzen. In den meisten Ländern leben Asset Tokens in einer Grauzone — sie sind formal Wertpapiere, aber niemand weiss genau, welche Regulierung gilt, wie das Eigentum übertragen wird, wie Gerichte im Streitfall entscheiden. In der Schweiz ist all das geklärt. Asset Tokens haben hier eine vergleichbare rechtliche Stellung wie eine Aktie.
Hinzu kommt das Finanzdienstleistungsgesetz FIDLEG, das seit 2020 die Verhaltenspflichten für Finanzdienstleister regelt — inklusive der Pflicht zu transparenter Information, Prospektpflicht für öffentliche Angebote, und klarer Anlegerschutz-Regeln. Asset Tokens fallen unter dieses Regime, was sie dem klassischen Wertpapier rechtlich gleichstellt.
Diese Kombination aus DLT-Gesetz und FIDLEG ist weltweit einzigartig in ihrer Klarheit. Es gibt keine andere grosse Finanzjurisdiktion, in der tokenisierte Wertpapiere so eindeutig geregelt sind — und das ist der Grund, warum die Schweiz heute zu einer der weltweit wichtigsten Adressen für seriöse Tokenisierungs-Projekte geworden ist.
Wer in der Schweiz Asset Tokens umsetzt
Es ist nicht nur eine Idee auf dem Papier. In der Schweiz arbeiten heute mehrere etablierte Player im Bereich tokenisierte Wertpapiere:
Sygnum Bank war die weltweit erste regulierte digitale Asset Bank. Sie tokenisiert klassische Wertpapiere für institutionelle Kunden — Aktien, Anleihen, Fondsanteile — und bietet eine vollintegrierte Banking-Plattform für digitale Vermögenswerte.
Aktionariat ermöglicht es Schweizer KMU, Mitarbeiteraktien und Beteiligungsrechte als Token auf der Ethereum-Blockchain auszugeben. Dutzende Schweizer Unternehmen haben so ihre Eigentumsstruktur digitalisiert.
SDX (SIX Digital Exchange) ist die digitale Handelsplattform der Schweizer Börse SIX. Sie betreibt seit 2021 eine regulierte Infrastruktur für tokenisierte Wertpapiere mit voller FINMA-Bewilligung.
Taurus aus Genf bietet Custody-Lösungen für digitale Vermögenswerte und arbeitet mit Banken weltweit.
Beep Labs AG — wir bei beep — bauen einen Asset Token, der durch eine Flotte realer Roboter gedeckt ist. Das ist eine andere Art von Tokenisierung als bei Sygnum oder Aktionariat — wir tokenisieren nicht ein bestehendes Wertpapier, sondern bauen eine neue Anlageklasse auf, in der jeder Token einen Anteil an einem Pool arbeitender Roboter repräsentiert.
Diese Liste ist nicht vollständig. Sie zeigt aber: Die Schweiz ist nicht nur regulatorisch gut aufgestellt, sondern hat auch ein wachsendes Ökosystem aus Unternehmen, die die rechtlichen Möglichkeiten ernsthaft nutzen.
Was einen Asset Token ausmacht — und was nicht
Ein gut konstruierter Asset Token hat fünf Eigenschaften, die ihn von spekulativen Kryptowährungen unterscheiden:
Erstens — er ist durch reale Vermögenswerte gedeckt. Der Wert ergibt sich nicht aus Marktstimmung, sondern aus dem, was hinter dem Token steht. Bei einer tokenisierten Aktie ist das ein Unternehmensanteil. Bei einer tokenisierten Anleihe eine Zahlungsverpflichtung. Bei einem Robotik-Asset-Token eine Roboterflotte, die arbeitet und Erträge erwirtschaftet.
Zweitens — er ist rechtlich klar eingeordnet. Eigentum, Übertragung, Streitschlichtung folgen klaren Regeln. In der Schweiz: dem DLT-Gesetz und FIDLEG.
Drittens — er erfordert KYC-Verifikation für seine Halter. Anders als bei anonymen Kryptowährungen müssen Halter von Asset Tokens ihre Identität nachweisen. Das ist nicht ein Mangel an Privatsphäre, sondern das, was sie zu seriösen Finanzinstrumenten macht.
Viertens — er ist transparent. Emission, Übertragung und Eigentumsverhältnisse sind nachvollziehbar — über die Blockchain technisch, über regelmässige Berichte rechtlich.
Fünftens — er ist nicht inflationär. Anders als viele Kryptowährungen, die theoretisch beliebig neu emittiert werden können, sind Asset Tokens an die Anzahl der hinterlegten Vermögenswerte gebunden oder durch klare Emissionsregeln im Smart Contract begrenzt.
Wer einen Token präsentiert bekommt, der diese fünf Eigenschaften nicht erfüllt, sollte vorsichtig sein. Wer einen Token präsentiert bekommt, der sie erfüllt, hat es mit einem ernsthaften Finanzinstrument zu tun.
Was das für Anleger bedeutet
Asset Tokens öffnen für private Anleger Türen, die bisher nur institutionellen Investoren offenstanden. Direkte Beteiligungen an Unternehmen, an Immobilien, an Roboterflotten, an Infrastruktur — all das wird durch Tokenisierung erstmals in kleineren Einheiten zugänglich. Das ist nicht trivial.
Bisher galt: Wer in eine Roboterflotte investieren wollte, musste mindestens sechsstellige Summen einbringen, eigene Strukturen aufbauen, Berater bezahlen, Verträge verhandeln. Das war kein Hindernis aus Bosheit, sondern aus den realen Kosten klassischer Strukturen. Asset Tokens senken diese Kosten dramatisch — weil die Übertragung digital ist, die Verwaltung automatisiert, die Compliance über Smart Contracts läuft.
Das bedeutet nicht, dass alle Risiken verschwinden. Der Wert eines Asset Tokens hängt am Wert dessen, was dahinter steht. Wenn die hinterlegten Vermögenswerte schlecht performen, performt auch der Token schlecht. Aber das ist Risiko, das man verstehen kann — anders als bei spekulativen Kryptowährungen, deren Wert sich an der Stimmung von Reddit-Foren orientiert.
Die nächsten zehn Jahre
Boston Consulting Group prognostiziert, dass der globale Markt für tokenisierte Vermögenswerte bis 2030 auf rund 16 Billionen US-Dollar anwachsen wird. Das wäre rund zehn Prozent des globalen BIP. Andere Schätzungen liegen niedriger oder höher. Klar ist nur: Die Tokenisierung realer Vermögenswerte ist nicht mehr eine Frage des Ob, sondern des Wann.
Die Schweiz hat sich mit dem DLT-Gesetz früh positioniert. Andere Jurisdiktionen ziehen jetzt nach — die EU mit dem MiCAR-Rahmen, Singapur mit eigenen Gesetzen, die USA mit zunehmender Klarheit. Aber die Schweiz hat einen Vorsprung, der sich technisch und rechtlich in den nächsten Jahren auszahlen wird.
Für Anleger heisst das: Tokens sind nicht gleich Tokens. Wer von „Krypto" gewarnt wird, sollte fragen, welche Art von Token gemeint ist. Wer einen Asset Token kennenlernt, sollte prüfen, ob die fünf Eigenschaften erfüllt sind. Und wer einen Asset Token aus der Schweiz kennenlernt, hat es vermutlich mit einem der seriösesten Marktsegmente zu tun, das es derzeit gibt.
Das ist keine Garantie für Erträge. Das ist eine Garantie für Klarheit. Und Klarheit ist in der Finanzwelt selten genug, um sie zu schätzen.